"Back to Soul" - Interview mit Max Mutzke
von Susanne Schmidt
In deinem Pressetext steht, „Back to Soul“ wäre die künstlerische Vision hinter deinem aktuellen Album Colors. Was genau war die künstlerische Vision?
Max: Also das kann ich dir sagen. Es gab einen Moment, ich saß im Auto und hab diesen bekannten Song gehört, den jeder kennt, von Al Green „Let’s stay together“. Das ist ja so eine Nummer, wenn die auf der Tanzfläche läuft oder im Auto, dann ist es egal, wie alt die Zuhörer sind, alle fangen an zu grooven und mitzumachen und finden es sexy und gut. Und ich hab mir überlegt, warum klingen heute keine Alben mehr so sexy und bescheiden und warm wie zum Beispiel diese Nummer. Da hab ich mir dann vorgenommen, ein Album zu machen, das wieder so klingt. Und man kann es nur so klingen lassen, wenn man tatsächlich auch so produziert, wie sie damals produziert haben. Nämlich alles analog, jeder Musiker muss physisch anwesend sein, muss die Songs wirklich spielen und nicht nur Teile der Songs, die dann zusammengebaut werden. Die Instrumente müssen sorgfältig ausgewählt werden, es müssen Leute spielen, die es wirklich drauf haben und nicht irgendein Studiomusiker, der so ein bisschen Geige spielen kann und noch ein bisschen Klavier drückt. Das muss schon alles von Profis gebaut werden. Letztendlich auch solche Dinge wie: Streicher und Bläser müssen von Arrangeuren arrangiert werden, die wiederum mit uns Songs aus der Zeit anhören, die wir musikalisch und vom Spiel her erreichen wollen. Das hat halt eine unheimliche Arbeit nach sich gezogen, wir waren ein Jahr lang im Studio und haben da gelebt, gekocht, unsere Wäsche gewaschen, Grillpartys gemacht, wir haben dort übernachtet, gefrühstückt und eben nebenher sehr viel Musik gehört und sehr viel Musik gemacht, bis das Album letztendlich fertig war. Aber bis da alles zusammenkam, bis da jedes Gewerk ineinander gegriffen hat, bis da jeder Streicher, jeder Bläser da war…. Das Album wurde in Amerika gemischt, das war unser größtes Glück, weil wir mit Russel Elevado arbeiten konnten, der sechs Grammys mit dem Album von D’Angelo bekommen hat – der hat lustigerweise auch das Al Green Album gemischt, was sozusagen unsere Blueprints waren, wo wir soundmäßig hinwollten. Da kam dann eins zum anderen und dann wurde die Geschichte sehr rund und deswegen klingt das Album auch tatsächlich wie ein Album, das man in den 60er/70er Jahren produziert hat, nur am Ende doch mit neuen Sounds gefüllt hat, damit es eben schon nach 2018 klingt.
Du stehst für den Soul in Deutschland. Du bist ja in einer Ära aufgewachsen, in der es nur Soul aus Amerika gab. Was bedeutet Soul denn für dich und wie kannst du ihn in die heutige Zeit transportieren?
Max: Es ist genauso. Ich bin nur mit Soul aus Amerika aufgewachsen und hab nur Musik gehört, die hauptsächlich aus Amerika kam und zwar alles, was wir als „sexy music“ bezeichnen würden. Sowohl Soul, Blues, R’n’B, Jazz als auch Fusion und Musik – das ist ja keine Weisheit – ist für mich wie eine Sprache. Wenn zum Beispiel ein Kind mit einer französischen Mutter und einem spanischen Vater in Deutschland aufwächst, dann spricht es alle drei Sprachen im besten Fall perfekt, weil es eben mit diesen Sprachen konfrontiert wurde und sie so verinnerlicht hat. Ich habe nur Soulmusik hören können, weil meine Eltern nur diese Musik gehört haben. Wir haben überhaupt kein deutsches Radio gehört, überhaupt keine englische Popmusik, wir haben keinen Michael Jackson gehört, tatsächlich nur Al Green, Stevie Wonder, James Brown und so Musik wie Herbie Hancock und Miles Davies und deswegen ist es für mich tatsächlich eine Sprache. Also wenn ich Musik mache und spiele, dann ist es automatisch diese Sprache. Ich spreche keinen deutschen Rock, ich spreche keinen Pop, keine Klassik, sondern ich spreche diese Musikrichtungen. Und da gab es nur Soul aus Amerika, in Deutschland kam es erst sehr viel später. Aber ich bin froh, dass es trotzdem funktionieren kann. Also nie im großen Mainstream, das muss man auch sagen. Wenn man die Soulkünstler sieht, die in Deutschland funktionieren, dann ist das immer stark Pop – also Xavier Naidoo zum Beispiel – das ist ja soulig gesungen aber sehr poplastige Musik. Aber so richtigen Soul wie Al Green, das ist in Deutschland immer noch Szene und nicht Mainstream.
Video „Zugabe“
Wenn du deutsch singst, wie viel gibst du von dir preis?
Max: Also es gibt Songs, die sind ganz autobiografisch, da ist alles so geschrieben, wie ich das gerade empfinde, erlebt habe oder denke. Es gibt aber auch Songs, die sind ein Mischmasch aus autobiografischen Elementen und Geschichten, die man gehört oder gelesen hat, die einem Freunde erzählt haben oder die man geträumt hat. Man kann ja auch eine Geschichte erzählen, die man erlebt hat, aber mit einem anderen Ende. Ein Ende, das man sich gewünscht hätte oder vor dem man Angst gehabt hätte. Man kann auch mal einen Song schreiben, so wie Menschen sich verkleiden. In dem Moment leben sie ja auch diese Attitüde. Das ist zwar nicht autobiografisch, aber in den Klamotten steckt ja trotzdem dieser Mensch, das ist ja auch eine Mischung aus Fantasie und dem Wunsch, was man gerne hätte und machen würde. Aber es gibt diese autobiografischen Songs auf jeden Fall. „Schwarz auf Weiß“ war so einer, „You are around“ – da gibt es schon einige, die genauso abgelaufen sind. „Welt hinter Glas“ ist auch so ein Song.
Du trittst ja in unterschiedlichen Formationen auf: mal mit Bigband, dann Solo oder auch – wie bei uns im Scala – mit monoPunk. Wir würden noch gerne die Geschichte zu monoPunk erfahren.
Max: Ja sehr gerne. Um mich aus diesem Mainstreamkorsett zu lösen – nach dem Grandprix haben irgendwie alle Plattenfirmen und Manager die Hoffnung gehegt, dass ich so eine Art Xavier Naidoo werde, oder später wie Marc Forster oder Bourani, die alle mit Mainstream gigantische Erfolge eingefahren haben. Um diesem Druck zu widerstehen habe ich gesagt: „Nö, ich mach ne Jazzplatte“ Das war natürlich total bescheuert, weil Jazz, so denkt man, keinen Menschen interessiert. Das war für mich auch eine ganz klare Erfahrung in meinem Leben. Ich habe Jazz-Schlagzeug studiert und habe viel Jazz gespielt und auch gehört und es gibt ja auch ganz unterschiedlichen Jazz. Ich habe ein Jazzalbum gemacht, das wider Erwarten aber so erfolgreich wurde – und wir haben das ohne Plattenfirma gemacht, wir haben es selbst finanziert, alles selbst verwaltet und dann als es fertig war, wollte es fast jede Plattenfirma dann tatsächlich plötzlich machen, obwohl vorher alle gesagt haben „Nö, wir wollen kein Jazzalbum haben“. Und dann wurde es eines der erfolgreichsten Jazzalben der letzten zehn Jahre – es hat 50.000 Platten verkauft, ohne Radiosingle. Das war wirklich ein Monster-Erfolg und das war lustig, weil ich ja eigentlich gar keinen Erfolg einfahren, sondern sozusagen den Stinkefinger zeigen wollte. So: Leute, mal was anderes, ich beuge mich nicht diesem Druck und zeige, dass ich auch einen anderen Weg gehen kann. Dann brauchte ich darüber hinaus aber eine Band, welche die ersten Konzerte mit uns spielt. Denn das Trio, mit dem ich gespielt hatte, da waren die Leute zu krasse Größen – Wolfgang Haffner, Roberto Di Gioia, und Leute wie Nils Landgren, Klaus Doldinger. Mit denen kannst du nicht auf Tour gehen. Das kann sich kein Mensch leisten. Da haben wir gesagt, wir brauchen eine eigene Band. Viele Jahre zuvor habe ich mit Sasha und einem dritten Sänger einen Ray Charles Abend in der Bullerei, dem Laden von Tim Mälzer, gespielt. Wir sind alle sehr gut mit Tim befreundet und er wollte unbedingt so einen Soulabend machen. Sasha brachte diese Band mit und damals hab ich monoPunk kennengelernt und war wahnsinnig fasziniert von den Jungs. Ich habe noch nie so etwas abgefahren geiles gesehen wie diese Typen. Und als wir dann eine Band für das Jazzalbum gebraucht haben, habe ich die Jungs gefragt. Es sollten eigentlich nur zwei Konzerte werden und aus zwei Konzerten sind mittlerweile über 500 geworden. Und dann haben wir das letzte Album Colors produziert. Wir haben jetzt ein Jahr zusammen im Studio gelebt, sind etliche Touren miteinander gefahren, haben Bigbandkonzerte und diese ganzen großen Orchesterprojekte gespielt und es sind mittlerweile tatsächlich ganz wichtige Menschen in meinem Leben. Das ist wie eine echte Familie, auch wenn der Begriff immer so abgelutscht klingt, aber es wirklich so. Man sieht die öfter als fast alle anderen Menschen auf der Welt und daher sind das seit 6 Jahren ganz nahstehende Menschen.
Für die Tour haben wir die Band noch erweitert, wir sind jetzt nicht zu viert sondern teilweise zu acht auf der Bühne – wahnsinnig fett. Das macht wirklich unglaublichen Spaß!
Konzert Max Mutzke & Monopunk am 6.5.